Verrückte Sachen an der Blauen Kapelle
Hallo zusammen! Zeit, hier wieder etwas zu schreiben. Ich wünsche, frohe Weihnachten gehabt zu haben!
Ich komme zurück zum Thema der niveaugleichen Kreuzungen von Vollbahn-Strecken, die in Nordamerika recht gewöhnlich sind, hier in Europa aber die absolute Ausnahme darstellen. Zwei davon hatten wir hier schon beschrieben -
eine in Asturien,
eine in Holland. Heute möchte ich einen weiteren Fund in den Niederlanden hinzufügen. Es geht um den
„Spoorwegknooppunt Blauwkapel“, zu Deutsch etwa "Bahnknotenpunkt Blaue Kapelle" im Norden der Stadt Utrecht.
Dem ist gleich mitzugeben: Macht Euch zügig Screenshots in GoogleMaps davon, denn diese niveaugleiche Kreuzung ist bereits abgebaut; in Maps findet Ihr also aktuell einen bereits historischen Zustand!
In diesem Knoten kreuzten sich in einem Winkel von 70 Grad die in Ost-West-Richtung laufende, hier viergleisige Hauptstrecke Utrecht Centraal-Amersfoort und die von Norden nach Süden verlaufende zweigleisige Hauptbahn Hilversum-Lunetten. Die beiden nördlichen Gleise der Strecke Utrecht Centraal-Amersfoort wurden in den 1990ern ergänzt und führen auf einer Brücke über die Nord-Süd-Strecke, während die beiden unmittelbar südlich gelegenen ursprünglichen Streckengleise die Linie Hilversum-Lunetten niveaugleich kreuzten.
Daneben gibt es in den stumpfen Winkeln der Kreuzung Verbindungskurven: zweigleisig für die Relation Utrecht Centraal-Hilversum und – heute eingleisig, früher ebenfalls zweigleisig – eine Verbindungskurve Lunetten-Amersfoort.
Schaut Euch unbedingt den zugehörigen
Wikipedia-Artikel an; selbst wenn Ihr ihn Euch nicht aus dem Niederländischen übersetzt, sind die Bilder, insbesondere das
historische Luftbild absolut sehenswert und aufschlussreich. Interessant ist auch die im Wiki-Artikel erwähnte spezielle Oberleitungsanlage an der Kreuzung, die verhindern sollte, dass Stromabnehmer an den kreuzenden Oberleitungen hängen bleiben. Dazu konnte offenbar die Oberleitung der Strecke Hilversum-Lunetten abgesenkt und angehoben werden (->
Beitrag mit Bild, zur Übersetzung empfehle ich deepl.com).
Interessant sind die unterschiedlichen Zeit-Schichten in GoogleMaps. Die Gleiskreuzung wurde am Himmelfahrtswochenende 2022 ausgebaut. Das Luftbild zeigt somit einen Zustand kurz vorher, bei dem die südöstliche Verbindungskurve Lunetten-Amersfoort bereits nur noch eingleisig betrieben wurde und der Abzweig entsprechend zurückgebaut war. Wenn man sich allerdings
im Streetview auf den östlichen Bahnübergang des Voordorpsedijks stellt und Richtung Gleiskreuzung blickt, sieht man noch den vollständigen zweigleisigen Abzweig. Diese Aufnahme ist also älter als das Luftbild. Steht man hingegen auf dem
Bahnübergang des Voordorpsedijks nördlich der Gleiskreuzung, sieht man, dass hier die Strecke Hilversum-Lunetten einschließlich der Gleiskreuzung abgebaut ist. Diese Aufnahme ist somit jünger als das Luftbild und nach Himmelfahrt 2022 entstanden.
Jetzt könnte die Story zuende sein. Aber es fehlt der für mich noch interessantere Teil. Denn der Fund der Streckenkreuzung war eigentlich nur ein zufälliger Beifang.
Ich hatte ursprünglich recherchiert, wie ich per Bahn zur Ausstellung On traXS 2026 im Niederländischen Eisenbahnmuseum Utrecht kommen könnte.
Das Museum ist um den Bahnhof Utrecht Maliebaan herum gebaut, der an der Strecke zwischen Blauwkapel und Lunetten im Stadtgebiet von Utrecht liegt. Dieser Abschnitt der Hilversumer Schiene ist an ihrem südlichen Ende in Lunetten schon länger gekappt, sodass Maliebaan Endbahnhof einer kurzen, nurmehr von Norden her angebundenen Stichstrecke ist.
Und zu den Museumsöffnungszeiten verkehrt stündlich ein Sprinter von Utrecht Centraal über den Bahnhof Utrecht Overvecht und den Knoten Blauwkapel nach Maliebaan.
Soweit, so gut. Dann schaue ich - alte Berufskrankheit - immer auf der Karte, wie meine mögliche Verbindung geografisch so aussieht. Und dabei stellte ich also fest: "Moment mal, da gibt's ja gar keine Verbindungskurve!", mittels derer eine direkte Fahrt von Utrecht Centraal nach Maliebaan möglich wäre. (Die niveaugleiche Kreuzung ist mir tatsächlich erst ein paar Momente später aufgefallen.) Was also macht der Sprinter? Er muss offensichtlich nach dem Halt in Overvecht weiter fahren und
Kopf machen, um nach Maliebaan zu gelangen. Es gibt aber keinen weiteren Verkehrshalt zwischen Overvecht und Maliebaan!? Der Zug muss also
"auf freier Strecke" wenden! Und das kenne ich persönlich derzeit von keiner anderen regelmäßigen Personenzugverbindung in Mitteleuropa, das ist also m. E. wirklich bemerkenswert.
Bei dem aktuellen Spurplan (->
openrailwaymap.org, ->
sporenplan.nl) müsste es also so ablaufen, dass ein Zug nach Maliebaan nach dem Halt in Overvecht ins linke Streckengleis, also ins Gegengleis wechselt, weil die Verbindungskurve nach Maliebaan/Lunetten nur in dieses einbindet und das rechte Streckengleis lediglich kreuzt (auch bemerkenswert!). Er fährt über den Spoorwegknooppunt Blauwkapel und den östlichen Bahnübergang des Voordorpsedijk hinaus, sicher bis zu dem Signal hinter dem Bü. Dort wird dann wohl die Fahrtrichtung gewechselt und der Zug nimmt den Abzweig Richtung Maliebaan/Lunetten.
Ich finde das schön schrullig, einfach Klasse - jemand anderes vielleicht auch. Vielleicht ein guter Grund, einen Abzweig auf der Anlage mal falsch herum anzufahren...?
Guten Rutsch!