Im VEB Kraftverkehr Eisenhüttenstadt, Betriebsteil Müllrose stand man 1986 vor einem Problem: Die Betriebsleitung hatte sich verpflichtet, im kommenden Fünfjahrplan 20 Prozent Reifen einzusparen. Da es im Betrieb ein reges Neuererwesen gab, ging man sofort beherzt an die Arbeit. Ein erster Prototyp entstand, der W50 mutierte zum Dreirad.

Das brachte jedoch mehrere Probleme mit sich. Motor und Getriebe mussten höher gelegt werden und aufwändig mit der Hinterachse verbunden werden. Dabei wurde der Platz in der Kabine für die Fahrer knapp, die Fuhre wurde sehr wackelig, und aufgrund der hinteren Doppelbereifung wurde noch nicht einmal das Einsparziel erreicht, da man nur 16,7 Prozent der Reifen eingespart hatte. Immerhin bekam der Fahrer eine einteilige Frontscheibe, um sich nicht gar so eingeengt zu fühlen. Nach diesem partiellen Misserfolg ging man wieder an die Arbeit. Nach einigen Wochen war es vollbracht. Prototyp Nummer 2 lief nun auf einem Kettenfahrwerk:



Zwar hatte man nun 100 Prozent der Reifen eingespart, jedoch bekam man sofort Ärger mit der Straßenmeisterei, da die Ketten den Straßenbelag nicht gerade schonten. Außerdem ging der Kraftstoffverbrauch regelrecht durch die Decke. Also wieder in die Werkstatt, und heraus kam das nächste Versuchsfahrzeug:



Man hatte sich einiges bei den Luftkissenfahrzeugen abgeschaut, die einen Teil des Verkehrs über den Ärmelkanal abwickelten. Der Motor hatte unter voller Last ausreichend damit zu tun, das Luftpolster zu erzeugen und mittels Schraube am Heck für Vortrieb zu sorgen. Die Straße wurde nun geschont, jedoch nahm das Fahrzeug bei gleicher Frachtkapazität deutlich mehr Grundfläche ein, außerdem war es laut, und es soff immer noch wie eine Kompanie Matrosen. Dennoch hatte die Werkstatttruppe das sichere Gefühl, dass sie kurz vor einem Durchbruch stünden. Und dieser kam dann auch mit Prototyp Nummer 4:



Reifenverbrauch nur noch 33 Prozent, Dieselverbrauch bei 0 Prozent, Nutzlast immerhin noch zehn Prozent. Die Bootswerft Müllrose hatte extra eine kleinere Pritsche aus glasfaserverstärktem Kunststoff gefertigt, die immerhin einer Last von bis zu 500 Kilogramm standhielt. Der Fahrer blickte durch eine einteilige Panoramascheibe auf die Straße. Da mit dem Fahrzeug bevorzugt die Mühle in Müllrose bedient wurde, konnte die Antriebseinheit - Kaltblut Mister Ed - direkt dort betankt werden. Dieses Fahrzeug blieb auch bis zur Auflösung des Kraftverkehrs im Bestand und war vor allem wegen Mister Ed bei den Fahrern sehr beliebt. Es war auch so einflussreich, dass es in einem weit entfernten Winkel der Erde Nachahmung fand, wenn auch auf wesentlich primitivere Art:
Gegen Ende 1987 stellte man alle Prototypen noch einmal im Hof auf und machte ein Gruppenfoto:
In körnigem Schwarz-Weiß schaffte es das Bild dann sogar in die Lokalausgabe der Bezirkszeitung "Neuer Tag", und zwar in einem Beitrag über das Neuererwesen im Landkreis Eisenhüttenstadt:
Ihr glaubt, dass sich das so zugetragen hat? Da muss ich euch leider enttäuschen!
April, April!
So, und nun noch ein paar Worte zur Bastelei:
Verwendet wurden zwei uralte DDR-Modelle des W50, Inhalte aus SES-Basteltürten sowie Kleinteile von
@etchit und
@IoreDM3 . Das Pferd stammt von
@Panzer-Shop.nl . Kettenfahrwerk, Luftkissenfahrwerk und die Pritsche des Pferdefuhrwerks habe ich auf meinem Würstchenleger selbst gedruckt. Aufgrund akuten Zeitmangels ist das Ganze eher eine Skizze zur Illustration des gespielten Witzes geworden, aber wer sich inspiriert fühlt, kann das eine oder andere sicher genauer ausarbeiten.
Beste Grüße
Jörg